Mythos Route 66

Ob Goldsucher, Kaufleute oder Künstler – der Westen der USA lockte schnell viele von ihnen an.

In den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz boomte die Straße regelrecht. Zahlreiche Tankstellen, Motels und kleine Läden säumten sie zu jener Zeit fast über die gesamte Länge. Diese beträgt immerhin knapp viertausend Kilometer zwischen Chicago und Los Angeles.

Während die Straße also viele Jahrzehnte lang zahlreiche Menschen in eine neue Existenz führte, wurde sie nach und nach durch modernere, breitere Straßen ersetzt. Dies gipfelte 1985 darin, dass ihr der Status eines offiziellen Highways abgesprochen wurde. Das Ende für die vielen kleinen Motels, Diners, Geschäfte und ganze Dörfer entlang der einst pulsierenden Straße. Zurück blieben leerstehende Gebäude, teils fernab der Zivilisation mitten im Nirgendwo – und eine Straße, stellenweise nur wenige Meter breit, die nach und nach dem Verfall preisgegeben wurde. Von Schlaglöchern durchzogen, von Gras überwuchert und teilweise von Dickicht unterbrochen fristete die Straße so einige Zeit ihr Dasein. Ortschaften am Rand der Route 66 wurden zu verlassenen Geisterstädten.

Route 66 Mythos: Auferstehung

Eine kleine Gruppe von Menschen um den Friseur Angel Delgadillo aus Seligman, Arizona wollte verhindern, dass ihr Ort ebenso verkommen sollte. Deshalb kämpfte die Gruppe dafür, dass die ehemals so wichtige Straße als State Historic Route anerkannt wird – was ihr nach einigen Jahren auch gelang. In jener Zeit der späten 1980er-Jahre entwickelte der Route 66 Mythos sich daraufhin immer schneller. Auch durch zahlreiche Geschichten, Bücher und Filme bedingt – Easy Rider beispielsweise spricht für sich. Aus den trostlosen Aussichten entwickelte sich plötzlich ein Phänomen.

Touristen aus aller Welt pilgerten die Straße entlang und brachten neben Geld eine Menge Zeit mit, um die einzelnen Streckenabschnitte, Ortschaften und ihre teils verbliebenen Bewohner kennenzulernen. Dabei wurden viele der ausgestorbenen Geschäfte, Tankstellen und Restaurants aus den 1920er und 30er-Jahren zu neuem Leben erweckt. Seitdem ist für die meisten Touristen an der Route 66 die Reise selbst das Ziel.

Bilder:
© Oldtimer: ingehogenbijl / Shutterstock
© Route 66: Bokic Bojan / Shutterstock

Route 66 Mythos: Kunst und (keine) Konventionen

Wer die Freiheit abseits von Konventionen sucht, ist auf der Route 66 an der richtigen Stelle.

Auf einer Harley oder mit einem Oldtimer den Wind in den Haaren zu spüren und die Weite bis zum Horizont zu sehen, beflügelt viele Biker und Autofahrer. Und auch für kreative Köpfe bieten die Straße, ihre Orte und Landschaften offensichtlich eine einzigartige Inspiration. So lassen sich an fast jedem Streckenabschnitt einzigartige Kunstprojekte und skurrile Objekte finden.

Die Cadillac-Ranch in Texas ist beispielsweise so eine Sehenswürdigkeit. 1974 wurden zehn Cadillacs symmetrisch zueinander in den Boden gegraben – seitdem verändert sich beinahe täglich ihr Aussehen durch Graffitis und Kunstinstallationen. In Catoosa, Oklahoma findet sich ein gigantischer blauer Wal in einem Teich am Rand der ehemaligen Route 66 – ein Überbleibsel eines kleinen Freizeitparks. Und in Wilmington, Illinois, steht ein fast zehn Meter großer Raumfahrer am Straßenrand. Der Gemini Giant ist zweifelsfrei der berühmteste Einwohner des Ortes.

Route 66 Mythos: Spuk

Natürlich tragen auch zahlreiche Spukgeschichten dazu bei, dass sich so viele Mythen um die Route 66 ranken. Kaum verwunderlich – bei einer rund viertausend Kilometer langen Strecke ereignen sich zwangsläufig schaurige Ereignisse. Wie zum Beispiel am Grab des Massenmörders Billy Cook Jr auf dem Peace Church Friedhof in Joplin, Missouri. 1950 fuhr jener Mann als Beifahrer von verschiedenen Menschen quer durch den Südwesten der USA. Am Ende der jeweiligen Touren ermordete er sieben seiner Fahrer, darunter eine ganze Familie. Erst nach knapp drei Wochen konnte er gestoppt werden. In seiner Heimatstadt erhielt er nach seiner Hinrichtung lediglich ein anonymes Grab – unweit der Route 66. An jenem Grab soll es noch heute spuken – manche Augenzeugen berichten sogar, den Geist Billy Cook Jrs erblickt zu haben.

Auch um das Hotel Monte Vista in Flagstaff, Arizona, nicht weit vom Grand Canyon entfernt und einst direkt an der Route 66 gelegen, ranken sich viele Legenden. Gleich ein ganzes Dutzend Geister soll dort sein Unwesen treiben. im zweiten Stock würden sämtliche Tiere austicken, im ersten Stock sei seit Jahrzehnten desöfteren der Schrei eines ominösen Babys zu vernehmen – so heißt es.

Solche Legenden finden sich praktisch überall entlang der Straße. In Miami, Oklahoma soll ein Kino über einer ehemaligen Leichenhalle errichtet worden sein, in dem sich unerklärliche Vorfälle ereigneten. Der kleine Ort Guthrie, ebenfalls in Oklahoma, beheimatete einst ein Gefängnis, in dem ein zum Tode verurteilter an einem Herzinfarkt starb, als er den Bau des für ihn extra anzufertigenden Galgens beobachtete. Noch heute soll dort hin und wieder sein Gesicht am Zellenfenster zu sehen sein. Und auf einer Verlängerung der Route 66, die einst Route 666 oder – passenderweise – als Devil’s Highway bekannt war, fuhr des nachts ein herrenloser brennender Truck über die Straße. 2003 wurde der Name der Straße geändert.

Wenig verwunderlich also, dass solche und ähnliche Geschichten die Faszination und den Mythos Route 66 bildeten. Welche Geschichte wahr und welche erfunden ist, muss jeder selbst für sich entscheiden. Fakt ist, dass die Straße nichts von ihrem Reiz und Charme verloren hat – und als Reiseziel eines jeden Motorradfahrers auf dem Wunschzettel stehen sollte, der das Gefühl von Freiheit und Zwanglosigkeit erleben möchte. Überzeugen Sie sich selbst!

Bilder:
© Route 66 Schild: AR Pictures / Shutterstock
© Tankstelle: Charles Harker / Shutterstock
© Motorrad: Sergey Yechikov / Shutterstock

CTA USA Route 66